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The Art of Change – Erfolgsfaktoren für Veränderung

6. September 2010

Der Erfolg eines Unternehmens hängt vorwiegend von seiner Anpassungsfähigkeit an wechselnde Rahmenbedingungen ab. Notwendige Veränderungsprozesse stoßen in der Regel auf hartnäckige Widerstände. Erst ihre Überwindung kann jedoch zu positiven Ergebnissen führen. Die Kunstgeschichte liefert hierfür eindrucksvolle Erfolgsbeispiele. Viele Künstler, die uns heute als etablierte Klassiker der Kunstgeschichte bekannt sind, haben sich mit ihren Neuerungen erfolgreich gegen massive Widerstände durchgesetzt.

Ein renommierter Kritiker beschreibt 1876 eine Gruppenausstellung in Paris: “Neues Unheil ist über die Rue Peletier … hereingebrochen. Fünf oder sechs Verrückte… haben, von Ehrgeiz verblendet, hier ihre Werke ausgestellt. Viele Besucher bekommen vor diesen Machwerken Lachkrämpfe. Mir zieht es bei ihrem Anblick das Herz zusammen. Diese sogenannten Künstler bezeichnen sich als Umstürzler und Impressionisten. Sie nehmen Leinwand, Farbe, Pinsel, setzen, je nach Lust und Laune, einige Töne nebeneinander und glauben, sie hätten schon etwas Großes geleistet. Das Ganze erinnert an Ville Evrard [Name einer Irrenanstalt], wo die verwirrten Patienten Steine aufheben und sich einbilden, sie hätten Diamanten gefunden. [...] Wie soll man … erklären, dass Bäume nicht violett sind und der Himmel nicht die Farbe frischer Butter hat, dass die von ihm gemalten Dinge in keinem Land zu sehen sind und kein intelligenter Mensch derartige Verwirrungen akzeptieren kann. Verlorene Mühe.” Die hier diffamierten Verrückten sind Renoir, Monet, Pissarro, Cezanne und Seurat.

Aber es müssen gar nicht immer die Klassiker der Kunstgeschichte sein. Nahezu jeder “Profi-Künstler” (in Abgrenzung zu den ungezählten selbsternannten “Hobby-Kreativen”) blickt zurück auf eine Geschichte der Wandlungen und Veränderungen über massive Widerstände hinweg. Dies beginnt in der Regel bereits mit der Ausbildungs- und damit Berufswahl, die selten durch die Unterstützung der Eltern geprägt ist. Das Studium und auch die ersten Jahre der Professionalität sind gekennzeichnet durch sich fortsetzende Häutungen. Und immer, wenn eine neue Werkgruppe entsteht, steckt in ihr auch der Abschied von einer vorangegangenen Phase, die zu ihrer Zeit mit Vehemenz vertreten werden musste. Dies alles in der Regel in einer Umgebung, die – ökonomisch betrachtet – der künstlerischen Existenz feindselig gegenüber steht. Nur ein Bruchteil der Künstler kann von Kunst leben. Und dennoch treibt sie der schiere Wille nach Erneuerung voran: eine neue künstlerische Position entdecken, besetzen, ausloten und verteidigen. Um danach wiederum eine neue künstlerische Position aufzubauen, sie zu besetzen, auszuloten und zu verteidigen. Künstler werden vom Wandel getrieben, immer auf der Suche nach einer unverwechselbaren Stimme, die im chaotischen Konzert des Kunstmarkts hörbar und eindeutig erkennbar werden soll.

Was sind die Erfolgsfaktoren? Wann setzen sich Künstler mit ihrem Veränderungswillen durch?

Durchhaltevermögen

Christo & Jeanne Claude verbrachten viele Jahre in existenzbedrohender Armut, bevor es ihnen gelang, ihre ersten Projekte zu realisieren, die sie später weltberühmt machten. In jedem einzelnen Projekt ist dieser Durchhaltewillen aufs Neue zu erkennen. Um die Entscheider für das Projekt “Verpackter Reichstag” zu gewinnen, unternahmen Christo und Jeanne-Claude 54 (!) Reisen nach Deutschland. Die erste Reise fand 1975 statt, nahezu 20 Jahre bevor das Projekt realisiert werden konnte. In dieser Zeit besuchten Christo und Jeanne Claude 352 Mitglieder des Bundestags persönlich und unterhielten Kontakt zu sechs aufeinander folgenden Bundestagspräsidenten.

Reduktion

Julian Opie, einer der unbestrittenen Stars der zeitgenössischen Kunst, stellt in seinen Bildern mit minimalen Mitteln (wenige Striche, elementare Formen, homogene Farben) urbanen Lifestyle dar. Seine in größtmöglicher Einfachheit ausgeführten Arbeiten haben keine Ähnlichkeit mit realen Figuren und doch meint man, in den wenigen Strichen nicht nur Menschen, sondern sogar distinkte Charaktertypen zu erkennen.

Einer der führenden Fotokünstler weltweit – Andreas Gursky – verdankt seine Bedeutung zu nicht unwesentlichem Anteil der Fähigkeit, seine bis ins Detail komponierten Fotoarbeiten in einer bislang ungekannten Größe – sowohl im Motiv als auch im Präsentationsformat – auszuführen, ohne Einschränkungen hinsichtlich Präzision, Schärfe und Detailgenauigkeit hinnehmen zu müssen. Gursky liefert sowohl kompositorisch als auch technisch ein Abbild der Welt in bislang unerreichter (technischer) Perfektion. Was können Unternehmen von Künstlern lernen und vor allem wie können sie dies tun?

Perfektion

Der Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass mittlerweile renommierte Gattungsbegriffe, wie z.B. Impressionismus, Kubismus oder Fauvismus zu ihrer Zeit als Verunglimpfung erfunden und verwendet wurden. Nicht selten waren die Reaktionen auf Neuerungen in der Kunstgeschichte nicht Indifferenz, sondern Widerstand, Empörung und Wut. Von der Kunst lernen heißt, dass jede Neuerung, die Traditionen in Frage stellt, Menschen in ihren gewohnten Wahrnehmungen und Empfindungen verunsichert. Veränderung erzeugt Ablehnung. Und nur die Menschen konnten sich durchsetzen, die unbeirrt und gegen alle Widerstände ihrer Überzeugung folgten.

Vorbildlernen

Die persönliche Auseinandersetzung mit der Person des Künstlers im Gespräch und in der Beobachtung seines täglichen Schaffens kann eine Ahnung davon vermitteln, welche Kraft und Begeisterung ein Mensch ausstrahlt, der vom Wert seiner Arbeit durchdrungen ist. Künstler agieren häufig “against all odds”. Die Welt wartet nicht auf ihre Arbeiten. Künstler befinden sich in einem harten Aufmerksamkeitswettbewerb mit Hundertschaften von ambitionierten Mit-Künstlern. Und doch strahlt jeder Einzelne von ihnen eine Energie aus, die mitreißt und die Bereitschaft weckt, sich auf ihre spezielle Wahrnehmung der Welt einzulassen und sich hiervon verändern zu lassen.

Gemeinsames Initiieren von Veränderungen

In den letzten Jahren hat art matters eine Reihe von Workshop-Formaten entwickelt, in denen Künstler gemeinsam mit Führungskräften Veränderungsprozesse in Unternehmen initiieren. Hierbei geht es zunächst darum, die Notwendigkeit von Veränderung anhand von einfachen Metaphern sichtbar zu machen. Die den Prozess begleitenden und moderierenden Künstler (je nach Themenstellung Bildhauer, Filmemacher oder Musiker) sind Profis im Verdichten von komplexen Sachverhalten auf ihren Wesenskern. Durch das gemeinsame Erarbeiten und Visualisieren von “Change” – sei es im Comic, in einem Musikclip oder in einem Kurzfilm – liefern die Führungskräfte einfache und kraftvolle Bilder, mit denen sie sich und ihre Mitarbeiter nachhaltig auf die neue Strategie verpflichten. Auf einer weiteren (Prozess-)Ebene erfahren die Führungskräfte, dass sie – obwohl auf neuem Terrain unterwegs – im Team zu Höchstleistungen auflaufen. Sie erleben Veränderung als befreiend und lustvoll und können so ihrer Führungsaufgabe, nämlich ihre Mitarbeiter für die notwendigen Change-Prozesse zu motivieren, umso überzeugender gerecht werden.

(Dieser Beitrag von Stefan Shaw erschien 2008 in der Zeitschrift “congena”)

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