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Baubeginn bei “Mae West”

19. Oktober 2010

Auf dem Münchner Effnerplatz entsteht Kunst im öffentlichen Raum

Kunst-am-Bau verbinden viele noch immer mit jenen ominösen 3%, die angeblich bei jedem Bauvorhaben für Kunst ausgegeben werden müssen. (Diese Regel hat tatsächlich nie existiert!) Doch die Stadt München hat sich bereits seit längerem freiwillige 2% verordnet. So ist hier viel Kunst-am-Bau entstanden, was sicher mit zum Charme des weltoffenen “Millionendorfs” beigetragen hat. Zweckmäßigkeit ist eben nicht alles.

Als nun der “Mittlere Ring” am Effnerplatz untertunnelt wurde, standen immerhin noch 0,5 % für Kunst zur Verfügung, was beachtliche 1,5 Mio. ergab. Die Jury wählte auch entsprechend etwas richtig Großes aus: die 52 Meter hohe Skulptur “Mae West” der Künstlerin Rita McBride, die vor 10 Jahren ein Gastprofessur an der Münchner Kunstakademie hatte. In diesen Tagen wird die nicht unumstrittene Skulptur auf dem Effnerplatz gebaut. Dies nehmen wir zum Anlass, uns ein paar Gedanken zu machen.

Abb.: www.tram-muenchen.de

Kunst und ihre Funktion
Sicher die heikelste Anforderung an Kunst ist die Funktion. Hat Kunst nicht frei zu sein? Doch die Erfahrung lehrt: Je höher die Kosten eines Projekts sind, um so höher sind auch die Erwartungen. So kann es nicht verwundern, dass man hinter “Mae West” den Wunsch vermutet, eine sichtbare Landmark zu setzen, ein “neues Stadttor für München”.

Derartige Gedanken lieferten den Kritikern Argumente, denn am Effnerplatz endet keine wichtige Fernstraße. Die Skulptur markiert einen unbedeutenden Platz, neben dem Hochhäuser bereits den Himmel verbaut haben.

Doch passt es zur Künstlerin Rita McBride, dass sie ihre Arbeit auf einen derartigen Platz stellt. Denn ihre Skulpturen sollen auf den ersten Blick wie banale Gegenstände wirken, die irgendwie aus ihrer Funktion gefallen sind. Hier am Effnerplatz wählte sie eine Struktur, die an die Form eines Kühlturms erinnert, lediglich schlanker und transparent. Es ist sicher gewollt, dass dies technisch wirkt. Der Passant soll sich irritiert fragten, ob diese Struktur einen Zweck besitzt. Er soll für einen Moment innehalten, weil in ihm die gewohnte “funktionierende” Welt an ihre Grenzen gestoßen ist.

Wenn man dies verstanden hat, wird klar, warum die Meinungen über die Skulptur derart weit auseinander gehen: McBrides Strategie geht möglicherweise nicht auf, da ja ohnehin jedem klar ist, dass man über Kunst diskutiert. Echte Irritation kann sich angesichts der Visualisierungen nicht einstellen. So gibt es heute nur zwei Seiten: jene, die nach der Funktion dieser Kunst fragen – und jene, die sich freuen, wenn Kunst den öffentlichen Raum erobert.

Es steht zu hoffen, dass die Diskussionen den Passanten nicht den unvoreingenommenen Blick verstellt haben. Wie es sich mit “Mae West” lebt, wird die Zeit zeigen. Schade nur, dass dann vermutlich ein Name an der Skulptur haften bleiben wird, der wenig inspiriert wirkt. Denn der Bezug zu dieser Sexbombe einer vergangenen Zeit, zu ihren Netzstümpfen oder ihrer Taille wirkt eigenartig unbeholfen.

2 Kommentieren

  1. Irina Grabner
    Oktober 24th, 2010

    Hallo Team von artmatters,

    Ihr Webauftritt ist umfassend und so inspirierend, dass ich mich durch den neuen Text über die Skulptur am Effnerplatz zu einem Kommentar veranlasst sehe.

    Mein spontanes Entdecken von Gemeinsamkeiten bei Skulptur und Personenname beschränkt sich nicht nur auf die Vielseitigkeit in Erscheinung und Wirkung (diese ist bei Kunst und damit in der Skulptur sicher so groß wie bei Mae West). Aus einem engen Blickwinkel lassen sich Skulptur und die Grand Dame des Films der Zwanziger und Dreisiger Jahre auch auf weniger reduzieren: nämlich braucht´s das und Sexbombe. Die Inspiration der Namensgebung war vielleicht eine Aufforderung zum genauen Hinsehen, Kundigmachen, über Grenzen hinaus denken. Unabhängig vom Namen kann und will das nicht jeder unserer Bürger im Millionendorf. Aber die Chance hat er.

    Nochmals Kompliment für Ihr Tun und Auftreten, besonders für die Auswahl an Werken für die jeweiligen Adressaten. Dies habe ich noch auf keiner Seite ähnlicher Anbieter gesehen so gelungen gesehen.

    Kunstsinnige Unternehmergrüße

    Irina Grabner

    Irina Grabner

  2. admin
    Oktober 25th, 2010

    Hallo Frau Grabner,

    na – das ist aber ein netter Kommentar und versüßt uns allen den Start in die Woche. Herzlichen Dank!

    Stefan Shaw

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